Buch
Bibliographische Angaben
Operation Kundus
Mein zweiter Einsatz in Afghanistan
320 Seiten, mit 24 Seiten farbigem Bildteil und zwei Afghanistan-Karten
Klappenbroschur
ISBN 978-3-430-20073-8
€ 18,90 (D) / € 19,50 (A) / sFr 34,50
In seinem Bestseller »Endstation Kabul« hat Achim Wohlgethan die deutsche Öffentlichkeit erstmals mit der ungeschminkten Realität des deutschen Afghanistan-Einsatzes konfrontiert. In seinem neuen Buch berichtet der Fallschirmjäger über seine zweite Operation, die ihn nach Kundus führte. Als Mitglied der Vorauskräfte baute er dort inmitten von Truppen feindlicher Warlords den deutschen Stützpunkt mit auf. Mit seinem Insiderbericht bringt er uns nicht nur die wahren Zustände in dem umkämpften Land, sondern auch die Mängel der Bundeswehr und die Probleme der Soldaten in ihrem gefährlichen Einsatz nahe.
Zigtausende haben atemlos Achim Wohlgethans Bestseller »Endstation Kabul« gelesen. In »Operation Kundus« nimmt der Autor seine Leser ein zweites Mal mit in dieses ferne, fremde Land am Hindukusch.
Wieder muss Wohlgethan eine ganz besondere Mission erfüllen: Er und seine Kameraden bauen als Vorauskräfte den deutschen Stützpunk in Kundus mit auf. Absurde Regelungen, unzureichende Ausrüstung sowie gefährliche Erkundungstouren sind an der Tagesordnung. Wohlgethan und seine Kameraden kommen bei ihren Aufklärungsfahrten weit herum, lernen Land und Leute kennen. So arbeitet er mit der Hilfsorganisation Cap Anamur zusammen und trifft dort beeindruckende Menschen. Immer wieder bekommt er die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Afghanen zu spüren, wird aber auch Zeuge, wie ein Mann Erste Hilfe für seine kollabierte, hochschwangere Frau verweigert.
Offen und schonungslos wird auch die emotionale Seite eines solchen Einsatzes beleuchtet: Wie gehen die Angehörigen mit der Belastung um? Was kommt auf die Freundin daheim zu? Wie kann es passieren, dass aus fähigen Kameraden plötzlich ganz andere Menschen werden, die den Zusammenhalt der Truppe gefährden? Auch seine psychischen Probleme nach dem Einsatz spart Wohlgethan nicht aus und erzählt, wie er im Bundeswehr-Krankenhaus Heimkehrer mit schweren Posttraumatischen Belastungsstörungen kennenlernte.
Ein persönlicher, packender Bericht, der die Einsatzrealität in Afghanistan schonungslos offenlegt.
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Hier sitze ich in der Transall in Richtung Kundus und frage mich, was die nächsten Monate auf mich zukommt
Falsche Infos und Kompetenzgerangel
Hier erzähle ich von der langen Vorbereitungsphase auf einen solchen Einsatz. Wir machen dem afghanischen Verteidigungsminister ein bisschen Angst, erleben Mobbing, widersprüchliche Aussagen und Neid. Und ich versuche, meine Freundin auf den baldigen Abschied vorzubereiten.
Reise ins Ungewisse
Hier verlege ich mit den Vorauskräften nach Kundus und erlebe vor Ort mein blaues Wunder: Wir haben keine Munition, kaum Informationen zur Lage und richten uns in einem Lager ein, in dem Sicherheit nicht gewährleistet ist.
Verschlossene Container und schlafende Wachen
Hier ärgere ich mich über den Bürokratie-Wahn, aufgrund dessen wichtige Medikamente verrotten und staune über die Unverfrorenheit eines Offiziers. Wir bauen das Lager weiter auf und erkunden die Innenstadt von Kundus, ohne als deutsche Soldaten erkennbar zu sein.
Toyota, Snoopy und Co
Hier erkunden wir mit zivilen Jeeps das Umland und werden dabei auf eine harte Probe gestellt. Wir prüfen die Örtlichkeiten für ein Safe House in Taloqan, werden zum Essen eingeladen und verzweifeln über die vielen Minen. Außerdem bekommen wir vierbeinigen Zuwachs.
Mehr Sand im Getriebe
Hier verlieren ein paar Kameraden die Nerven und es braut sich ein Gewitter über unserer Einheit zusammen. Es kommen immer mehr deutsche Soldaten ins Camp, während der Nachschub ausbleibt. Wir machen eine kräftezehrende Vorauserkundung in Richtung Kabul und merken, dass Hilfsorganisationen uns nicht unbedingt als Freunde sehen.
Kabul, ich komme
Hier erzähle ich von der abenteuerlichen Fahrt über den Salang-Pass in 4000 Metern Höhe nach Kabul, um Material zu besorgen. Wir brauchen dafür starke Nerven, viele Abschleppseile und zwei Versuche. Ich erkenne das Camp Warehouse kaum wieder und bin enttäuscht, weil unsere kostbarste Fracht zerstört in Kundus ankommt
Reise ans Ende der Welt
Hier bekommen wir Unterstützung von einem kanadischen Team, besuchen die Hilfsorganisation Cap Anamur im Grenzgebiet zu Tadschikistan und müssen hilflos zusehen, wie ein Afghane medizinische Hilfe für seine sterbende schwangere Frau verweigert. Wir haben einen brenzligen Autounfall und müssen einem Kameraden seine Waffe abnehmen.
Kling Glöckchen klingeling
Hier besuchen zwei Männer vom Geheimdienst das Lager und erinnern mich an eine brisante Operation zu Kabul-Zeiten. Es gibt einen Fehlalarm, einen Besuch vom General und wir dürfen endlich unsere Waffen anschießen. Ich erlebe Weihnachten im Camp und bin platt über das Weihnachtsgeschenk meiner Freundin.
Brenzlige Pfade
Hier eskortieren wir die Geheimdienstler auf ihrem geheimnisvollen Trip nach Tadschikistan und entdecken neue Wege für den Alkohol-Nachschub. Wir bekommen Besuch von RTL, werden Zeuge der Bundeswehr-Zensur und bekommen angekündigt, dass unsere Fahrten künftig nicht mehr von einem Arzt begleitet werden. Wir bekommen beinahe Stress mit Einheimischen, dafür umso mehr mit Kameraden aus der Einheit.
Abschied auf Raten
Hier wird mir klar, dass wir bald aus unserem Einsatz »herausgelobt« werden und der Zusammenhalt in der Einheit völlig dahin ist, Wir erkunden die Lage in Faisabad und empfehlen, dort niemals ein deutsches Feldlager aufzumachen. Wir geraten unter vermeintlichen Beschuss und zweifeln an der Vorgehensweise einiger Kameraden.
Total am Ende
Hier beschreibe ich die schwierige Zeit nach dem Einsatz. Ich falle in ein schwarzes Loch, lasse mich ins Bundeswehr-Krankenhaus einliefern und lerne dort Kameraden kennen, denen es viel schlechter geht. Ich trenne mich von meiner Freundin und treffe mich mit Männern vom BND, um eine Zusammenarbeit auszuloten. Meine Zeit bei der Bundeswehr ist vorbei, aber damit beginnt auch ein neues spannendes Kapitel.
Anja – Aus der Sicht einer Soldatenfrau
Hier beschreibt meine damalige Freundin, wie sie die ganze Sache sieht. Sie berichtet von der großen emotionalen Belastung, von ihren Ängsten und was ihr geholfen hat, dagegen anzugehen. Sie kritisiert die schlechte Betreuung und Information vonseiten der Bundeswehr, aber auch das Desinteresse der Medien.
Fazit
Hier stelle ich die aktuelle Lage in Afghanistan dar und beziehe dabei auch die Situation der einheimischen Bevölkerung mit ein. Ich benenne die konkreten Mängel des militärischen Engagements und des zivilen Wiederaufbaus und fordere einen konkreten »Fahrplan für Afghanistan«.
Infos zu meinen vorherigen Buch “Endstation Kabul”

Endstation Kabul
Als deutscher Soldat in Afghanistan – ein Insiderbericht
304 Seiten, mit 24 Seiten farbigem Bildteil und zwei Afghanistan-Karten
Klappenbroschur
ISBN 978-3-430-20043-1
€ 18,90 (D) / € 19,50 (A) / sFr 34,50
Kurztext
Afghanistan ist eine tickende Zeitbombe für die über 3000 dort stationierten deutschen Soldaten. Weil es keine Evakuierungsmöglichkeiten gibt, die Ausrüstung mangelhaft ist und die Führung sich mehr um ein gutes Image als um die Sicherheit ihrer Truppe sorgt, geraten Soldaten unnötig in Lebensgefahr.
In seinem packenden Tatsachenbericht schildert der Fallschirmjäger Achim Wohlgethan seinen Einsatz in Kabul. Er lässt uns hinter die Kulissen der Bundeswehr blicken und rückt damit die Diskussion um den Afghanistan-Einsatz in ein völlig neues Licht.
Klappentext
Wie fühlt es sich an, als deutscher Soldat in den Straßen von Kabul zu patrouillieren? Wie reagiert man, wenn plötzlich ein Kind mit einer Waffe vor einem steht? Und wie geht man als Soldat mit der ständigen Bedrohung um?
In „Endstation Kabul“ erzählt der Fallschirmjäger Achim Wohlgethan lebendig und kenntnisreich von seinem gefährlichen Alltag als deutscher Soldat in Kabul. Mit seinem Insiderbericht bringt er uns nicht nur Land und Leute, sondern auch die Probleme der deutschen Armee und der internationalen Afghanistan-Politik nahe. Er nimmt uns mit in armselige Krankenhäuser, gefüllte Waffenlager und idyllische Bergdörfer, die von Warlords verwaltet werden. Er erzählt von seiner Hilfe für einen abgeschobenen Jungen aus Frankfurt und von seinen gefährlichen Operationen, die er für geheime Dienste und mit einer niederländischen Spezialeinheit durchführte, wodurch er mehr als einmal Auge in Auge mit afghanischen Kämpfern stand. Eindrücklich schildert er, dass die Bundeswehr die Gefährlichkeit ihrer Mission bewusst herunterspielt, sich mehr um ein gutes Image als um die Sicherheit ihrer Truppe sorgt und die Soldaten oft moralisch, politisch und juristisch im Stich gelassen werden.
Mit seinem Erfahrungsbericht gewährt Achim Wohlgethan erstmals einen ungeschönten Blick auf den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und liefert politisch brisante Fakten, die die Diskussion um diesen Einsatz anheizen werden. Ein packendes und längst fälliges Buch.
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Hier erzähle ich kurz die Vorgeschichte des deutschen ISAF-Einsatzes in Afghanistan und warum ich mich als Freiwilliger meldete.
Abreise nach Kabul und erste Tage im Camp
Hier berichte ich von meiner unsicheren Fahrt ins Camp Warehouse, meiner Arbeit in der Stabszentrale und dem dubiosen Absturz eines afghanischen Kampfflugzeugs. Ich ermögliche eine Augen-Operation für einen fast blinden afghanischen Jungen und erkunde mögliche Evakuierungsrouten – mit verheerendem Befund.
Gefechtsfeldtourismus und andere deutsche Spezialitäten
Hier bin ich Personenschützer für einen Oberst und bekomme von einem bekifften afghanischen Polizisten die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich erlebe eine wilde Party im Camp und mache einer deutschen Politikerin klar, dass die Bundeswehr deutschen Politikern und der Presse ein völlig falsches Bild des Einsatzes und der Sicherheitslage vermittelt.
Falsche Waffen und ein echter Raketenbeschuss
Hier stehe ich zweimal bewaffneten Kindern gegenüber und beschwere mich bei der Führung über die laxen Sicherheitsvorkehrungen gegenüber einheimischen Beschäftigten im Lager. Ich erlebe meinen ersten Raketenbeschuss und werde Zeuge einer sehr unkonventionellen Minen-Such-Methode. Ich verlasse zum ersten Mal das Mandatsgebiet und finde dabei nagelneue deutsche Granaten.
Mein Beitrag für die Loya Jirga und geheime Dienste
Hier kümmere ich mich mit meinem Buddy um die Absicherung der Loya Jirga und werde Zeuge seltsamer Praktiken in der afghanischen Armee. Ich muss zweimal wegen sehr brenzliger Situationen ausrücken, stecke dafür echte und mentale Prügel ein und werde von einem deutschen Geheimdienst angeworben.
Ich werde niederländischer Kommandosoldat
Hier wechsle ich zu der niederländischen Spezialeinheit KCT, erkunde mit meinen Kameraden das Gebiet eines Terrorführers, werde vom Geheimdienst auf einen Waffenhändler angesetzt und besuche das KSK in Bagram.
Geburtstag in den Bergen
Hier erzähle ich von unseren anstrengenden Einsätzen auf 4000 Metern Höhe und bekomme einen Höhenkoller. Ich gewöhne mich an meine Einsätze jenseits des Mandatsgebiets und esse zum ersten Mal Kamelfleisch.
Die Stadt der ehrlosen Frauen
Hier heben wir ein Waffenlager aus und beschenken einen Terrorführer mit ISAF-Zeitungen. Ich ärgere mich über ein deutsches Scharfschützenteam, kümmere mich um einen abgeschobenen Jungen aus Frankfurt und wundere mich über ein Frauen-Ghetto in der Wüste.
Auge in Auge mit afghanischen Kämpfern
Hier verfolgen wir eine Bande von Kriminellen und können einen jungen Afghanen nicht vorm Ertrinken retten. Acht afghanische Kämpfer halten mich und meinen Buddy in Schach und geben uns Hinweise auf ein Taliban-Versteck.
Unruhige Tage im Versteck
Hier observiere ich mit meinem Team die Unruhen vor den Massud-Tagen und werde Zeuge eines verheerenden Selbstmordanschlags. Wir füttern ein paar afghanische Polizisten durch und helfen deutschen Fallschirmjägern bei einem bewaffneten Konflikt mit einem afghanischen General.
Selbstmordkommando am Kabul Stadion
Hier spiele ich den Reiseführer für drei Neuankömmlinge, wobei wir vier in eine sehr ernste Situation kommen: Ein deutscher Offizier teilt uns kurzerhand für einen Zugriff auf mutmaßliche Terroristen am Stadion ein und sieht nicht ein, warum das keine gute Idee ist.
Besuch vom Kanzler und ein Ausflug mit dem deutschen General
Hier schüttele ich Gerhard Schröder die Hand und stelle ihm eine freche Frage. Ich muss wegen der TÜV-Bürokratie lebenswichtige Umbauten an meinem Fahrzeug rückgängig machen, darf nachts nicht duschen und wundere mich über die Sturheit des deutschen Generals.
Abschied von meiner „Familie“
Hier bereite ich mich auf mein Einsatzende vor. Die Niederländer richten eine Abschiedsparty für mich aus, ehren mich mit Abzeichen und eskortieren mich zum Flughafen, während ich meine Erfahrungen des letzten halben Jahres Revue passieren lasse.
Zurück in der fremd gewordenen Heimat
Hier schlage ich hart in der deutschen Realität auf. Ich wundere mich über unverschleierte Frauen und fürchte die Minengefahr. Die Wiedereingliederung wird hart, doch der nächste Afghanistan-Einsatz steht schon vor der Tür …
Leseprobe
Zu Achim Wohlgethans Aufgaben gehörte die Absicherung der Loya Jirga, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel Interconti stattfand, wo viele Delegierte und Presseleute wohnten und auch er mit seinem Kameraden Alex untergebracht war. Dort kam es zu mehreren Zwischenfällen, von denen sich einer so abgespielt hat:
Am nächsten Tag hatten Alex und ich mal wieder Besuch. Morgens um Viertel nach acht standen zwei Oberfeldwebel auf der Matte, eine nette Abwechslung. Obwohl wir einfach zu viert in unserem stinkenden, stickigen Zimmer im Interconti saßen und belangloses Zeug plauderten, entspannte ich mich merklich. Aber nicht sehr lange. Denn plötzlich platzte ein Alarmfunkspruch in das gesellige Zusammensein. Wir hörten, dass eine Patrouille bei der Zufahrt auf das Interconti mit ein paar Afghanen zusammengerasselt sei. Soweit wir dem Funkspruch entnehmen konnten, spitzte sich die Lage sekündlich zu und der Einsatz von Schusswaffen stand kurz bevor. Alle vier schmissen wir uns unsere Ausrüstung über und rannten los zu unseren Fahrzeugen. Schon nach knapp einer Minute waren wir vor Ort an der Hoteleinfahrt, die circa 400 Meter vom Haupteingang entfernt lag.
Ein Tohuwabohu erster Güte spielte sich auf der Straße vor uns ab. Ein wild aussehender Haufen von gut sechzig Afghanen stand einer etwa zehnköpfigen deutschen Patrouille Fallschirmjäger gegenüber. Gerade wurden langsam, aber sicher auf beiden Seiten die Waffen in die Höhe genommen, es wurde also richtig brenzlig. Hinterher erfuhren wir, wie die Situation so eskalieren konnte. Die deutsche Patrouille war von vier Afghanen mit Waffen bedroht worden, woraufhin die Deutschen sie entwaffneten und vorläufig festnahmen. Dummerweise wusste die Patrouille nicht, dass sich unter den Festgenommenen auch Angehörige eines afghanischen Politikers befanden. Als sogleich afghanische Polizei und Militär hinzueilten, nahmen die sofort ihre Waffen gegen die ISAF-Patrouille in Anschlag und schrien, was das Zeug hielt. Ein allseits probates Mittel zur Konfliktlösung in diesem Land.
Wir vier saßen ab und rannten durch die Menge in die Mitte dieses Kreises, wo die Fallschirmjäger der Patrouille standen. Das Zahlenverhältnis stand zu diesem Zeitpunkt etwa 1: 5 gegen die deutsche Patrouille. Ich suchte mir einen relativ gelassen aussehenden deutschen Soldaten als Buddy aus und stellte mich Rücken an Rücken mit ihm, meine Waffe im Low Ready, also mit der Mündung nach unten. Die vier festgenommenen Afghanen heizten die Situation zusätzlich an. Sie lagen, gefesselt mit Kabelbindern, auf dem Boden und brüllten, was das Zeug hielt, auf ihre verbündeten Polizisten und Militärs ein. Sollte jetzt jemand anfangen zu schießen, bricht das totale Chaos aus, dachte ich mir. Durch das ungünstige Kräfteverhältnis hätten wir keine Chance gehabt.
Alex begann mit Verhandlungen. Was mehr als schwierig war, wegen der Hektik und ganzen Schreierei um uns herum. Immerhin begann der afghanische General nun auch beruhigend auf die erhitzten Gemüter seiner Untergebenen einzuwirken, sodass der Geräuschpegel niedriger und ein Gespräch möglich wurde. Die Verhandlungen, so erschien es mir, zogen sich endlos dahin. In Wirklichkeit waren keine vier Minuten vergangen. Ein chinesisches Presseteam hatte sich mittlerweile am Straßenrand postiert und fing an zu filmen, was die Lage nicht unkomplizierter machte. Der afghanische General guckte nervös zwischen Alex und der Kamera hin und her. Bei der Menschenmenge und diesem Lärmpegel grenzte es wirklich an ein Wunder, dass noch kein einziger Schuss gefallen war. Das lag vielleicht auch daran, dass inzwischen die deutsche Quick Reaction Force aus dem Camp angesaust gekommen war. Die müssen geflogen sein, durch dieses Verkehrsgewühl in der Innenstadt. Die etwa fünfzehn Kollegen von der schnellen Eingreiftruppe stellten ihren Dingo quer und schwenkten das Maschinengewehr in Richtung der Afghanen, worauf die Waffen der Afghanen noch ein bisschen höher gingen.
Der afghanische General und Alex standen nun zwischen den waffenstarrenden Reihen. Etwa dreißig Deutsche auf der einen, inzwischen an die hundert Afghanen auf der anderen Seite. Trotzdem schafften die beiden es, dass die gefährliche Situation sich sehr, sehr langsam entspannte. Dann von beiden die entscheidende Gesten zu ihren Männern: Waffen runter. Die Mündungen sanken langsam Richtung Boden. Erst jetzt wurde mir die Situation im Ganzen bewusst. Wir hatten nur Millimeter vor der Katastrophe gestanden. Alex hatte uns mit seiner Ruhe und seinem Verhandlungsgeschick den Kopf gerettet. Ein falsches Wort oder eine unbedachte Geste – und die »Tagesschau« hätte ein Gefecht mit vielleicht zehn oder noch mehr toten deutschen Soldaten und etlichen Afghanen melden und die Aufnahmen des chinesischen Fernsehteams zeigen können. Es wären Bilder gewesen, die um die Welt gegangen wären und die deutsche Öffentlichkeit schockiert hätten. Die Anspannung löste sich, und ich atmete tief durch. Die vier Festgenommenen wurden der afghanischen Polizei übergeben (also in Wirklichkeit freigelassen) und die Parteien trennten sich, mit den üblichen Beschimpfungen und dem Bespucken von afghanischer Seite.
Dieses Intermezzo sollte noch ein Nachspiel haben. Die festgenommenen Afghanen beschwerten sich über die Patrouille, die prompt von unserer Führung, mal wieder, gerüffelt wurde. Die Schuld der Eskalation wurde ganz klar bei der deutschen Patrouille gesehen. Es war einfach unfassbar: Hier konnte einem wirklich jeder ungestraft die Waffe vors Gesicht halten! Wenn wir nach unseren »Rules of Engagement« handelten, wurden wir von unserer eigenen militärischen Führung beschimpft! Die Beteiligten fühlten sich wie Bauernopfer, die für ein interkulturelles Appeasement geopfert wurden. Dabei wäre ein bisschen mehr Rückendeckung von der eigenen Führung aus moralischen Gründen enorm wichtig und auch erwartbar gewesen. Natürlich waren wir nur geduldete Gäste in diesem Land. Und natürlich wussten wir, dass die militärische Führung sich oft in Diplomatie üben musste. Trotzdem waren wir frustriert. Da taten wir unseren Dienst 6600 Kilometer entfernt von der Heimat und standen unter einer nicht geringen körperlichen und seelischen Belastung. Und dann bekam man noch laufend Tritte in den Hintern, und zwar aus allen Richtungen. Dabei setzten wir nur so gut wie möglich unser Mandat um: die Interimsregierung bei der Herstellung und Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu unterstützen. Nichts anderes machte diese Patrouille an diesem Tag: Sie kontrollierte, wer diese Horde Bewaffneter war, die sich in einem sicherheitsrelevanten Bereich, nämlich dem des Hotels Interconti nahe der Loya Jirga, aufhielt. Unser »robustes Mandat« sah in solchen Bedrohungslagen eindeutig den Gebrauch der Schusswaffe vor. Sollten wir uns hier von jedem buchstäblich »die Pistole auf die Brust setzen lassen« ohne Gegenwehr? War es das, was die politische und militärische Führung wollte?
Die niederländische Spezialeinheit »Korps Commando Troepen« (KCT, vergleichbar mit dem deutschen KSK)), für die Achim Wohlgethan vier Monate arbeitete, bekam auf ihren Patrouillen in abgelegene Gebiete viel Leid zu sehen:
Auf dem Rückweg fuhren wir noch in andere Bereiche, die noch nicht wirklich durch ISAF-Truppen aufgeklärt waren. Solche blinden Flecken auf der Lagekarte gab es zum damaligen Zeitpunkt noch viele. Südwestlich von Kabul näherten wir uns einer Ansammlung von Gebäuden, einer kleinen belebten Siedlung. Es waren klassische Plattenbauten, ehemalige Offiziersunterkünfte der russischen Armee, wie unser Sprachmittler Mustafa sagte. Ob er uns auch sagen könne, wer jetzt dort wohne, fragten wir ihn. Er druckste herum, dieses Thema war ihm sichtlich unangenehm.
Nach mehrmaligem Nachhaken rückte er heraus mit der Sprache. Es seien »alleinstehende« Frauen, die dort allein oder mit ihren Kindern wohnten. Dabei verzog er ein bisschen sein Gesicht, als wäre das Wort an sich schon widerlich genug. Neugierig geworden, bohrten wir weiter nach, was es damit auf sich habe und wo das Problem sei. Alleinstehende und alleinerziehende Frauen gab es in Deutschland und ganz Europa wie Sand am Meer, wieso mussten sie hier wie in einem Ghetto zusammenleben? Er erklärte uns, diese Frauen seien »ohne Ehre«. Wieder verzog er das Gesicht bei der Erklärung. In diesem Ort lebten Frauen, die ein uneheliches Kind zur Welt gebracht oder ihren Mann verloren hatten. Zum Beispiel, weil er im Krieg gestorben war oder sich von seiner Frau hatte scheiden lassen. Auch waren einige ehemalige Gefängnisinsassinnen darunter. Das sind in Afghanistan alles Gründe, die unweigerlich einen Ausschluss aus der Gemeinschaft nach sich ziehen und hier eine »Stadt der ehrlosen Frauen« hatten entstehen lassen. Die Bewohnerinnen waren ganz auf sich gestellt und mussten sich in dieser Abgeschiedenheit selbst versorgen. Wie sie das machten, überließ Mustafa unserer Fantasie.
Schweigend fuhren wir an den schmucklosen Plattenbauten vorbei und sahen uns betreten um. Viele der Frauen, die auf Balkonen und vor den Häusern standen, machten eindeutige Handbewegungen in unsere Richtung. Sie forderten uns auf, in ihre Wohnung hereinzukommen. Wir versuchten diese verzweifelten Gesten zu ignorieren und schwiegen betreten. Diese Frauen hatten in dieser Gesellschaft nicht die geringste Chance, nochmals Fuß zu fassen. Ich kam mir vor, als ob wir durch eine Leprakolonie fuhren. Als seien die Frauen Aussätzige, Unberührbare. Dieser Eindruck verstärkte sich noch durch den Umstand, dass alle, wirklich alle Frauen unverhüllt waren. Keine einzige Burka war zu sehen. Wozu auch, wenn sie ohnehin als ehrlos abgestempelt waren? Mit traurigen, oft leeren Augen verfolgten diese Ausgestoßenen unseren Weg.
Ich verstand das alles nicht und fragte Mustafa, womit die Frauen dieses Los verdient hätten. »Sie sind halt schamlos gewesen «, war seine lapidare Antwort. Ihm war keine Reaktion auf dieses Elend zu entlocken. Was für ihn – einen relativ aufgeklärten und des Englischen mächtigen Afghanen – absolut normal und verständlich war, ließ uns alle die Köpfe schütteln über die Grausamkeit und Härte, die in diesem Land herrschten. Ohne Mitleid wurden die Ärmsten der Armen schlimmer als Tiere behandelt. Tiere stellten sogar noch einen höheren Wert in der Gesellschaft dar, konnte man doch Nutzen aus ihnen ziehen. Diese Frauen waren aber nur noch Ballast, für den sich niemand – nicht einmal die eigene Familie! – interessierte. Die Ehrlosen existierten am Rande der Gesellschaft, lebten von deren spärlichen Resten und Abfällen. Sie konnten sich nur durch Betteln oder Prostitution ernähren. Am liebsten hätte ich mir Mustafa geschnappt und ihm Vernunft eingebläut. Wieder quälte mich dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Vor nicht mal einer Stunde hatten wir diesem kleinen Kerl aus Frankfurt geholfen. Und dann wurde binnen weniger Augenblicke dieses Gefühl, man könne etwas bewirken, brutal zerstört.
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